Wer will nach Berlin?

in Berlin by

Während ich am Alexanderplatz versuche so selten wie möglich hochzuschauen, um schnellstmöglich in die nächste Bahn zu kommen, ohne angerempelt zu werden, stehen um mich herum sehr viele Menschen. Fasziniert knipsen sie herum und feiern jedes vegane Streetartbildchen in „crazy Berlin “, doch watt wollen die denn alle hier?
fernsehturm

Als ich letztes Jahr in Dublin war, fingen die meisten Unterhaltungen mit der Frage „Where are you from?“ an. Nachdem die Augenbrauen schon hochgerissen wurden, nachdem man sich als Mensch aus „Germany“ vorgestellt hat, glitzerten sie sobald das Wort „Berlin“ fiel. Die meisten waren gerade da, haben Freunde, die gerade dort waren oder wollen unbedingt in Zukunft mal vorbeischauen kommen. Als ich dann noch sagte, dass ich in Berlin geboren bin, wurde meistens nochmal richtig gefeiert.

Das hat bei mir eher Augenrollen ausgelöst. Klar liebe ich diese Stadt, klar nerven mich manche Veränderungen, klar kann ich den Berlin-Hype nicht mehr hören. Eine Mischung aus Hauptstadtarroganz, Retroliebe und Angst vor Veränderungen führte bei mir in regelmäßigen Abständen dazu, das ich mich räusperte über Seiten wie stadtinfos.immowelt.de/berlin oder etliche Style-, Stadtteil- und Überlebensratgeber über diese Stadt.

Aber dann muss man sich fragen: Warum sollte ich denn mehr Recht haben hier zu wohnen, als alle anderen und wieso sollte nur ich den Luxus haben ein kulturelles Angebot zu haben, bei dem einem die Augen ausfallen? Ich wäre doch die Erste, die nach Berlin ziehen würde, wenn sie nicht schon hier wäre. Niemals würde ich in meinem spanischen Dorf bleiben, in dem jeder 4. meiner Freunde arbeitslos ist, die Mieten unbezahlbar sind und ich fürs Demonstrieren Geldstrafen zahlen muss, wenn ich auch nur einen Polizisten kitzel. Was sollte mich denn halten, wenn ich höre, dass es da diese Stadt gibt, in der man 24 Stunden am Tag feiern kann, der Döner 3€ kostet, man jeden Tag zwischen Theater, Oper und Konzerten wählen kann und die Arbeitsplätze für mich fertige Akademikerin nur so rufen, während mich viele Bahnen für einen okayen Preis überall hinfahren?

ACHTUNG: Großstadtluft kann Spuren von Völkerverständigung enthalten

Es ist einfach irre, wenn man Menschen durch diese Stadt führt, die aus kleinen europäischen Dörfern kommen, die 7.000 Einwohner haben und die fast einen epileptischen Anfall bekommen, weil so viel so schnell passiert. Wenn diese dann noch erzählen, dass der Berlinbesuch für sie eine Inspiration war, dass sie jetzt ganz anders auf die Welt und ihren eigenen Alltag blicken, ist man fast ein bisschen stolz und akzeptiert wieder eher, dass jemand vor einem auf der Straße einfach stehen bleibt, weil er oder sie den Weg nicht kennt. Wenn diese Reisenden zu Neu-Berlinern werden, weil sie sich hier freier als je zuvor fühlen, charakterlich wachsen und  über den schmutzigen und rutschigen Tellerrand schauen, dann kommt man fast auf die Idee, dass jeder mal bei uns vorbei schauen sollte. Dann haben auch die zuvor genannten Blogs und Ratgeberseiten ihre Berechtigung und sind kleine feine Wegweiser durchs Berlin-Labyrinth.

Außerdem gibt es ja auch noch genügend Menschen, die von der dreckigen Hauptstadt mit den verrückten, großmäuligen Menschen wegrennen wollen und denen diese anonyme Stadt mit ihrer großen Schnauze einfach zu viel ist.

Social Media Irrgärtnerin, die immer zuerst die Faxnummer anruft & eines Tages dadurch noch einmal ihr Gehör verlieren wird.

6 Comments

  1. Ich wohne jetzt seit 1.5 Monaten in Berlin und noch hat mich die Stadt nicht gepackt. Aber das kommt bestimmt noch 🙂

  2. @Ines: Das ist ja auch vollkommen legitim ( : Mich hatte sie sehr genervt, bevor ich jetzt ein halbes Jahr in Irland lebte und mich wieder zurück verliebt habe, aber durch die ganzen Verändeurngen, die hier abgehen, wird man schnell wieder melancholisch und erkennt die Stadt auch ab und zu nicht wieder, aber hier hat sich ja schon immer alles verändert.

    Ich denke es ist auch möglich zehn Menschen nach Berlin zu senden und jeder kommt mit komplett anderen Eindrücken zurück, basierend auf den Bezirken in den sie wohnten oder Firmen für die sie arbeiteten. Ich hoffe, dass du dich noch wohler fühlen wirst, wenn nicht sag bescheid und ich kann dir vielleicht ein paar Tipps geben ( ;

  3. ich war öfters für ein paar tage in Berlin, ich finde die stadt aufregend bunt und natürlich ist es der kulturkessel schlechthin aber ich bin auch jedesmal froh, wenn ich wieder fahr, weil es mir auf dauer zu anstrengend und grell wär.

    wenn, dann würde ich eher an irgendeinen randbezirk ziehen und wenn es mir nach action ist, könnte ich schnell reinfahren 🙂

  4. @annekathrin: Danke für dein Feedback. Genau das meine ich ja, einigen Menschen ist es einfach zu viel und selbst ich will und muss manchmal einfach wegrennen.
    Das mit den Randbezirken denken sich gerade einige und so wird in Zeuthen und Co. überall ordentlich Wald abgeholzt. Aber ich will nicht schon wieder maulen ( :

  5. @elv.
    ja, wenn die natur dann darunter leiden muss, ist es natürlich absoluter mist 🙁
    dann wäre es besser, die natur mehr in die stadt zu holen und somit mehr ruhige plätze zu schaffen, falls sowas möglich wäre

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